Hintergrundinformationen zur Ausstellung Wassily Kandinsky: Bilder einer Ausstellung

I. Modest Mussorgskys Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung von 1874

Im Frühjahr 1874 fand in der Akademie der Künste im russischen Sankt Petersburg eine Gedächtnisausstellung für den Maler und Architekten Viktor Hartmannstatt. Hartmann war am 4. August 1873 mit nur 39 Jahren verstorben.
In einer ihm zu Ehren von dem einflussreichen Kunstkritiker Wladimir Stassow veranstalteten Retrospektive wurden etwa 400 Zeichnungen und Aquarelle sowie Architektur- und Kostümentwürfe gezeigt. Viele der ausgestellten Arbeiten waren während einer mehrjährigen Europareise entstanden und spiegelten Hartmanns Eindrücke wider.

Zum engen Kreis der Freunde Hartmanns zählte seit 1870 Modest Mussorgsky, dessen erste Oper Boris Godunow fast zeitgleich mit Hartmanns Ausstellung in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde. Mussorgsky ließ sich unter dem Eindruck der ausgestellten Arbeiten Hartmanns zu einem seiner wichtigsten Werke inspirieren. In einem wahren Schaffensrausch verarbeitete er den frühen Tod seines Freundes und übersetzte innerhalb weniger Monate dessen Bildsprache in die eigene Tonsprache. Es entstand der Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung, der ursprünglich mit dem Nachsatz Erinnerungen an Viktor Hartmann versehen war.

Mussorgskys Zyklus umfasst zehn Bilder, ergänzt durch die sich mehrfach wiederholenden Promenaden, die, so ist es überliefert, ihn selbst beim Gang durch die Ausstellung darstellen sollen. Die Auswahl der musikalischen Bilder geht dabei über rein russische Motive hinaus, spannt den Bogen bis nach Polen, Italien und Frankreich zu den Reisestationen Hartmanns. Wie viel Bilder Mussorgsky davon tatsächlich in der Petersburger Ausstellung gesehen hat, ist nicht überliefert.

Die folgende Beschreibung der Bilder basiert auf einer Notenausgabe, die Wassily Kandinsky für seine szenische Inszenierung benutzt hat. In diesem Notenheft haben die Promenaden keine Nummern erhalten, sondern nur die zehn Bilder. Kandinsky hat jedoch bei seiner Inszenierung die Nummerierung mit der ersten Promenade begonnen und die 16 Musikstücke durchnummeriert. Zum Verständnis ist diese Nummerierung nachfolgend in Klammern gesetzt.

Das erste Bild Gnomus (II) zeigt „einen Zwerg, der auf seinen kleinen krummen Beinen mit ungeschickten Schritten einherstolpert.“ Das Bild soll sich auf ein Aquarell Hartmanns beziehen, welches einen Nussknacker ähnlichen Weihnachtsschmuck in einer Zwergengestalt zeigt.
Für Das alte Schloss (IV), das zweite Bild des Zyklus, diente das Aquarell eines italienischen Schlosses aus dem Mittelalter als Vorlage, vor dem ein Troubadour sein Lied singt.
Es folgt im dritten Bild Tuileries (VI), spielende Kinder im Streit. „Eine Allee im Tuileriengarten (Paris) mit einer Menge Kinder und Kindermädchen.“ Hier ist die konkrete Bildvorlage unbekannt, jedoch gab es bei Hartmann verschiedene Zeichnungen spielender Kinder, die eventuell als Anregung gedient haben könnten.
Im vierten Bild Bydlo (VII) fährt musikalisch „ein polnischer Leiterwagen auf gewaltigen und rumpelnden Rädern, von Ochsen gezogen“ am Zuhörer vorbei. Eine Bildvorlage Hartmanns ist auch dazu nicht bekannt, vielmehr, so wird vermutet, wollte Mussorgsky mit dem Ochsenkarren die Mühen und Leiden des polnischen Volkes zum Ausdruck bringen.
Es schließt sich im Bild Nr. 5 das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen (IX) an, bei dem sich Mussorgsky von einem Kostümentwurf Hartmanns für eine pittoreske Szene des Balletts „Trilby“ inspirieren ließ.
Im folgenden sechsten Bild streiten zwei Juden, Samuel Goldenberg und Schmuyle (X), der eine reich, der andere arm. Zwei Bleistiftzeichnungen Hartmanns, die sich in Mussorgskys Besitz befanden, sollen als Vorlage gedient haben. Sie gelten heute als verschollen. Noch erhalten sind dagegen zwei Aquarelle Hartmanns, denen die Bleistiftzeichnungen als Vorlage gedient haben könnten.
Im siebenten Bild, Der Marktplatz von Limoges (XII), geht es um den „erbitterten Streit der Marktweiber“ um den besten Platz und die beste Ware. In der Gedächtnisausstellung von 1874 hatten rund 70 Arbeiten Hartmanns einen Bezug zu Limoges, 14 davon erinnerten an Marktszenen. Zweifellos hat Mussorgsky aus diesem Konvolut seine Anregungen gezogen.
Schließlich zeigt sich im Bild Nr. 8 Cataconbae (XIII), Hartmann selbst,„wie er beim Licht einer Laterne das Innere der Katakomben von Paris durchforscht“. Ein Aquarell des Malers bildet diese Situation ab. Musikalisch schließt sich das Promenadenmotiv als Con mortuis in linguamortua (mit den Toten in der Sprache der Toten) als Selbstdarstellung Mussorgskys mit Hartmann an. Mussorgsky schrieb dazu im Originalmanuskript: „Der Schöpfergeist des verstorbenen Hartmann leitet mich zu den Schädeln und ruft sie an – die Schädel leuchten im inneren sanft auf.“
Dann folgt mit dem neunten Bild Die Hütte der Baba-Yaga (XV). Der Inspiration diente Hartmanns Entwurf für eine bronzene Uhr in Form einer auf Hühnerknochen stehenden Hexenhütte, tief verwurzelt in der russischen Märchenwelt.
Den Schlusspunkt der Klaviersuite setzt mit Bild Nr. 10 Das große Tor von Kiew (XIV), welches musikalisch an das Finale einer großen Oper erinnert. Als Bildvorlage diente Hartmanns Entwurf für ein Eingangstor in die Stadt Kiew – seit Jahrzehnten ein beliebtes Covermotiv für verschiedene Einspielungen der Bilder einer Ausstellung.

So beliebt die Bilder einer Ausstellung in ihren unterschiedlichen Instrumentierungen heute sind, zu Lebzeiten Mussorgskys ist der Klavierzyklus kaum gespielt worden. Erst 1886, fünf Jahre nach seinem Tod, wurde eine erste gedruckte Fassung der Noten veröffentlicht. Ein breiteres Publikum erreichte das Werk dann im 20. Jahrhundert mit der Orchestrierung durch Maurice Ravel 1922 und der Rockfassung der britischen Band Emerson, Lake& Palmer 1971.


II. Wassily Kandinskys Inszenierung der Bilder einer Ausstellung am Friedrich-Theater Dessau 1928

Wassily Kandinskys Interesse an Bühne und Theater deckt sich zeitlich mit seiner Hinwendung zur abstrakten Malerei. Im legendären Almanach „Der Blaue Reiter“ veröffentlicht er 1912 einen programmatischen Aufsatz „Über Bühnenkomposition“ und gab damit seiner ersten Bühnenarbeit „Der Gelbe Klang“ein geistiges Fundament. Diese Bühnenarbeit ist zu seinen Lebzeiten jedoch nie aufgeführt worden. Eine geplante Inszenierung von Hugo Ball in München scheiterte 1914 am Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Der Impuls für eine erneute Bühnenkomposition ging von Georg Hartmann aus, der ab 1925 als Intendant des Friedrich-Theaters in Dessau wirkte. Von einem Atelierbesuch bei Kandinsky im Sommer 1927 war Hartmann so begeistert, dass er den Künstler spontan um eine Inszenierung bat. Kandinsky entschied sich für eine Inszenierung der Bilder einer Ausstellung nach der Musik von Modest Mussorgsky.

Die Inszenierung stand unter großem Zeitdruck. Es galt in kurzer Zeit die Bühnenentwürfe anzufertigen und die einzelnen Schritte der Bildgestaltung in entsprechende Regieanweisungen zu fassen. Auch die umfangreichen Kulissen mussten angefertigt werden und schließlich waren mehrere Proben erforderlich. Unterstützt wurde Kandinsky bei seiner Arbeit von Felix Klee, dem Sohn seines Malerfreundes und Nachbarn Paul Klee, der die Regieassistenz übernahm.
Kandinskys Bühnenkomposition war so aufgebaut, dass sich die Bilder während der Musik aus Licht, Form und Farbe zu einem Ganzen zusammensetzten. Insoweit zeigen die ausgestellten Bühnenentwürfe nur Momentaufnahmen, die sich erst im Laufe der Musik zu jenem Bild formten. Zudem traten die Entwürfe aus ihrer Zweidimensionalität auf der Bühne in die dritte Dimension. Georg Hartmann formulierte das so: „Die Entwürfe, die mir Kandinsky nach seiner Zusage vorlegte, überraschten mich trotz meiner großen Erwartungen. Denn sie brachten nicht nur eine Loslösung von der bisherigen Gegenständlichkeit des Bühnenbildes, sondern auch das Nacheinander: die sich gewissermaßen mit der Musik aufbauende Szene.“

Sieht man von den Bühnenarbeitern ab, die im Verborgenen dafür sorgten, dass taktgenau Formen und Farben vor dem dunklen Bühnenhintergrund auftauchen, so kam die Inszenierung auf der Bühne fast ohne sichtbare Menschen aus. Nur in zwei Bildern, dem scherenschnittartigen Zwiegespräch der beiden Juden Samuel Goldenberg und Schmuyle sowie dem Streit der Marktfrauen auf dem Marktplatz von Limoges wirkten Menschen mit. Hier besetzten Lore Jentsch und Günter Hess aus dem Ballett-Ensemble des Friedrich-Theaters die Tanz-Szenen.

Kandinsky entwickelte seine szenische Arbeit anhand der ausgestellten Klavierfassung Mussorgskys und legte diese auch für die Regieanweisungen zugrunde. Es deutet heute jedoch vieles darauf hin, dass tatsächlich die 1922 entstandene Orchesterfassung von Maurice Ravel zur Aufführung kam.

Die Uraufführung fand am 4. April 1928 als 6. Veranstaltung der „Junge Bühne“ statt und dauerte etwa 45 Minuten. Die „Junge Bühne“ war ein Abonnement, das Hartmann vor allem zur Aufführung zeitgenössischer Werke eingeführt hatte. Eine Woche später, am 11. April 1928 folgte die zweite Aufführung im Rahmen der 26. „Volksvorstellung“, einem Abonnement, welches mehr dem Opern- und Operettenpublikum vorbehalten war.
An beiden Abenden wurde nach der Pause im zweiten Teil Georg Kaisers Komische Oper „Der Zar läßt sich photographieren“ mit der Musik von Kurt Weill gespielt.

Während die Komische Oper in der Inszenierung von Georg Hartmann von der Kritik mit viel Lob bedacht wurde, empfand die Presse die bildhafte Inszenierung des Musikzyklus eher „ablenkend und verwirrend“. Die überwiegend anonym geäußerte Kritik stellte die szenische Darstellung zumeist in Frage, gab der musikalischen Aufführung jedoch viel Beifall.
Während die Theaterkritiker mit der szenischen Aufführung haderten, wurde sie vom Premierenpublikum begeistert aufgenommen. Wie das „Volksblatt für Anhalt“ in seiner Ausgabe vom 7. April 1928 berichtete „zeigte sich (das Publikum) von seiner besten Seite und war überraschend beifallsfreudig. Kandinsky und Rother wurden überaus stark gefeiert.“

Die beiden Aufführungen am Friedrich-Theater in Dessau bleiben zu Lebzeiten Kandinskys die Einzigen. Eine vorgesehene Aufführung in Philadelphia kommt 1930 nicht zustande.